Mary Shelley und ihr Roman „Frankenstein“: Buchauszug

Im Sommer 1816 schrieb eine junge Engländerin am Genfer See eine Horrorstory, die Geschichte machte:  Frankenstein; or: The Modern Prometheus. Heute, zweihundert Jahre nach seiner Entstehung, ist der Stoff aktuell wie eh und je. Allein in den letzten paar Jahren sind etliche Filme und Serien zu der inzwischen unübersehbaren Anzahl an Adaptionen, Verfilmungen und Veröffentlichungen hinzugekommen (es gibt auch wissenschaftliche Bibliographien dazu). Moderne Fassungen, historische Gruselkrimis – The Frankenstein Chronicles mit Sean Bean geht demnächst in die zweite Runde –, Comics, Theaterfassungen oder Splatter, es ist so ziemlich für jeden Geschmack etwas dabei. Der ganz große Wurf fehlt allerdings bislang – kein Wunder, denn Mary Shelleys beeindruckender und vielschichtiger Roman ist nicht nur ein Klasiker des Horrorgenres, sondern gehört zu den besten englischsprachigen Erzählungen, die je geschrieben wurden.

Was nicht viele wissen, ist, dass Mary Shelley in Frankenstein auch biographische Einflüsse verarbeitete. Tatsächlich ist ihr Leben, das ich 2010 in Die Fantastischen 6 nacherzählen durfte, beinahe genauso interessant und sicherlich ebenso tragisch wie die Geschehnisse in ihrem berühmten Roman.  Insofern verwundert es schon, dass Mary Shelleys Biografie erst jetzt als eigenständiger Filmstoff entdeckt wird. Abgesehen von Ken Russels Psychotrip Gothic und einem TV-Film von 2004 kenne ich jedenfalls keine filmische Adaption ihres Lebens. Insofern bin ich schon sehr gespannt auf A Storm in the Stars, einen Film, der Marys dramatische Liebesgeschichte mit Percy Shelley nacherzählt und wohl diesen Sommer ins Kino kommt.  Regisseurin dieses Films ist Haifaa Al-Mansour aus Saudi-Arabien, die 2014 mit ihrem Film Das Mädchen Wadja für den BAFTA nominiert wurde. Al-Mansours Perspektive einer Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt künstlerisch verwirklicht, ist gerade in Bezug auf Mary Shelley sicherlich ein Geniestreich. Warum? Das kann der geneigte Leser im folgenden Ausschnitt aus meiner Kurzbiografie von Mary Shelley nachlesen…! 🙂

BUCHAUSZUG: Mary-Shelley erschuf das berühmte Monster
in Die Fantastischen 6 (Weinheim, Basel: Beltz & Gelbert, 2010)

Mary Shelley wurde 1798 geboren, neun Jahre nach Beginn der Französischen Revolution.

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Ihre Mutter Mary Wollstonecraft starb kurz nach der Geburt. Mary Wollstonecraft war eine ebenso bekannte wie umstrittene Frauenrechtlerin. Wie später ihre Tochter lebte sie in einer patriarchalischen Gesellschaft, in der Frauen kein Wahlrecht hatten. Bei der Eheschließung mussten sie ihren Besitz sowie im Fall einer Scheidung ihre Kinder dem Ehemann überlassen. Frauen galten als von Natur aus unvernünftig, unterwürfig und empfindsam, als schwache, schutzbedürftige Wesen, die im Haus der starken Führungshand eines Mannes bedurften. Schreibende Frauen, die ihren Verstand benutzten oder gar auf eigenen Füßen stehen wollten, wurden als „unweiblich“ abgewertet.

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Diesem Frauenbild unterwarf Mary Wollstonecraft sich jedoch nicht. Nicht nur, dass sie bereits ein uneheliches Kind hatte, als sie Mary Shelleys Vater kennen lernte; sie schrieb auch ein bis heute grundlegendes „Plädoyer für die Rechte der Frau“, in dem sie für Gleichberechtigung und gleiche Erziehung von Männern und Frauen eintrat. Eine ihrer Thesen war, dass in Beziehungsdingen gegenseitige Zuneigung wichtiger sei als eine Heirat und dass die Ehe „nach dem Tod der Liebe“ nicht bindend sein dürfte. Das sollte später auch ihre Tochter Mary Shelley beeinflussen.

Auch William Godwin, Mary Shelleys Vater, war ein Befürworter der Freien Liebe. Außerdem war er ein berühmter Romanautor und Intellektueller, dessen Ideen immensen Einfluss auf die Autoren der romantischen Bewegung in England hatten. Im Jahr 1793 hatte er mit der anarchistischen Schrift „Politische Gerechtigkeit“ Furore gemacht, in der er nichts weniger als die Abschaffung des Staates forderte.

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In diesem Traktat argumentiert Godwin, dass man nur die korrupten staatlichen und religiösen Institutionen abschaffen und die sozialen Missstände beseitigen müsse – die Ungleichheit der Klassen und Geschlechter, den ungerechten Strafvollzug, die unhaltbaren Zustände im Leben der Arbeiter als Folge der industriellen Revolution –, um das zu erschaffen, was Shakespeare seinerzeit ironisch als „schöne neue Welt“ bezeichnet hatte. William Godwin aber, ganz Kind der Aufklärung, glaubte an das Gute im Menschen. Wie Rousseau in Émile schrieb: „Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen.“ Und damit sind wir schon fast bei „Frankenstein“.

Als Mary Shelley vier Jahre alt war, heiratete ihr heiß geliebter und bewunderter Vater wieder. Mit der strengen Stiefmutter kam sie nicht zurecht, aber sie verstand sich gut mit der neuen, beinahe gleichaltrigen Stiefschwester Claire Clairmont.

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Claire war lebhaft, witzig und aufsässig, Mary intelligent und nachdenklich, das ergänzte sich. Die Mädchen wurden Vertraute und blieben einander ihr Leben lang verbunden.

Im Sommer 1812, Mary war mittlerweile 14 Jahre alt, eskalierten die Spannungen im Godwin-Clairmont-Haushalt. Ihr Vater beschrieb Mary zu dieser Zeit als „ausgesprochen draufgängerisch, ein bisschen befehlshaberisch und geistig rege… Ihr Wissensdurst ist groß, und alles, was sie anfängt, betreibt sie so beharrlich, dass man sie schier nicht bändigen kann.“ Kein Wunder, dass dieser Charakter nicht mit der herrischen Stiefmutter harmonierte. Eine Trennung schien ratsam und Mary wurde für vier Monate nach Schottland geschickt. Dort lebte sie bei der Familie des radikalen Calvinisten William Baxter, dem ihr Vater ans Herz legte, seine Tochter zu mehr Fleiß und zum Baden im Meer anzuhalten. In Schottland genoss Mary die wilde Natur und die Freundschaft der Baxter-Töchter. Der raue Norden war ihr „ein Hort der Freiheit, ein freundlicher Ort, an dem ich ungestört mit den Wesen aus meiner Phantasie verkehren konnte”.

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In dieser Zeit schrieb Mary bereits eigene Geschichten, von denen aber keine erhalten ist. Wichtiger als diese konventionellen Schreibversuche waren ihr ohnehin ihre „wahren Erfindungen, die luftigen Gestalten meiner Vorstellungskraft – Geschöpfe, die mir in jenem Alter weit interessanter erschienen als meine eigenen Gefühle.” Das sollte sich jedoch bald ändern, denn nach Marys Rückkehr aus Schottland, im Mai 1814, lernte die 16-Jährige im Haus ihres Vaters den Mann kennen, der ihr ganzes Leben prägen wird, den damals 21-jährigen Romantiker Percy Bysshe Shelley.

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Begegnet war sie Percy Shelley sicher schon früher, denn er war seit Langem ein Verehrer ihres Vaters und häufig vorbeigekommen – zunächst noch mit seiner minderjährigen, bildschönen Frau Harriet, die er 1811 gegen den Willen beider Familien geheiratet hatte. „Mad Shelley“, der verrückte Shelley, wie er von Freunden genannt wurde, war aufgrund atheistischer Ansichten vom College geflogen, hatte zwei Romane geschrieben und sich mit seinem aristokratischen Vater überworfen. Er war Vegetarier aus Solidarität mit dem Leid der unterdrückten Kreatur, Anti-Royalist und Kriegsgegner. Aber was am schlimmsten war, er hatte diese radikalen Ansichten in Pamphleten öffentlich kundgetan und war nun als Unruhestifter aktenkundig.

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Als Mary ihn traf, war Shelley also noch nicht der berühmte, geniale Dichter, der er einmal werden sollte, sondern ein romantischer Rebell, lese- und experimentierfreudig, nachlässig elegant gekleidet, groß, blass, kränkelnd und schüchtern – ein schwärmerischer, exzentrischer Außenseiter, der sich wie Godwin gegen die gute Gesellschaft gestellt hatte. Seine vorschnelle Ehe war mittlerweile zerrüttet, denn Percy hatte keine Lust, den braven Ehemann und Vater zu spielen. Lieber lernte er Italienisch und besuchte Godwin, der Mittelpunkt eines Kreises von Intellektuellen in London war und in ihm „Gefühle von Ehrerbietung und Bewunderung“ auslöste.

Marys Vater schmeichelte das Interesse des jungen Aristokraten, der zudem anbot, ihn finanziell zu unterstützen. Percy hatte mit Enthusiasmus Godwins Politische Gerechtigkeit gelesen und war entschlossen, dessen Thesen in die Tat umzusetzen und sein Einkommen aus dem Familienvermögen einem guten Zweck zuzuführen. „Ich bin jung“, schrieb er Godwin, „und ich brenne in Sachen Menschenliebe und Wahrheit.“ Im Überschwang seiner Verehrung versprach er, Godwins ungeheure Schulden in Höhe von 3000 Pfund – in heutiger Währung mehrere hunderttausend Euro – zu bezahlen. Percys Vater, der konservative Landedelmann, war indes wenig begeistert von den menschenfreundlichen Projekten seines idealistischen Sohnes und weigerte sich zu zahlen. Percy hatte nun Schwierigkeiten, sein Wort zu halten und musste sich seinerseits zu horrenden Zinsen Geld leihen. Bald erkannten Percy und Godwin, dass Freundschaft und Geldgeschäfte nicht zusammenpassen und Shelley kehrte in seinen Briefen von der enthusiastischen Anrede „my dear Godwin“ zum förmlichen „Sir“ zurück. In dieser Situation kam Mary Anfang Mai 1814 aus Schottland heim.

Mary war inzwischen eine attraktive junge Frau geworden, die ganz dem damaligen Schönheitsideal entsprach: hohe Stirn, große Augen und kleiner Mund, weiße Haut, abfallende Schultern und ein Schwanenhals.

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Zudem war sie selbstbewusst und auffallend klug. Er war hingerissen. „Die unwiderstehliche Wildheit und Erhabenheit ihrer Gefühle zeigten sich in ihren Gebärden und ihren Blicken“, schwärmte Percy in einem Brief an einen Schulfreund. „Ihr Lächeln, wie einnehmend es doch war und wie rührend! Sie ist sanft und zart und dennoch glühender Empörung und Hass sehr wohl fähig.

Den ganzen Mai und Juni hindurch war Percy ein regelmäßiger Gast bei den Godwins. Oft begleitete er Mary auf den Friedhof, wo sie am Grab ihrer Mutter ungestört lesen konnten und auch in anderer Hinsicht ungestört waren. Marys Stiefschwester Claire, die das Paar als Anstandsdame begleitete, hielt sich diskret im Hintergrund und wurde bald zur Vertrauten der beiden Liebenden.

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In dieser Zeit schenkte Percy seiner heimlichen Geliebten eine Ausgabe seines Gedichtes „Queen Mab“, in dem er die freie Liebe propagiert und „blinde Treue“ als „unvernünftig“ bezeichnet. Auf dem Deckblatt notierte Mary: „Ich liebe den Autor mehr, als man sagen kann … Mein einziger Herzallerliebster … bei der Liebe, die wir einander geschworen haben, obwohl ich nicht dein sein darf, kann ich niemals einem anderen gehören.“ Eine Scheidung von Harriet kam für Percy nicht infrage, auch wenn er mittlerweile von der Untreue seiner Ehefrau überzeugt war. Einen formalen Ehebund betrachtete er ohnehin als unwichtig. So lange Mann und Frau einander liebten, war die Ehe seiner Meinung nach allenfalls Formsache; schwand die Liebe, wurde sie zum tyrannischen Joch.

Bei Mary, die in Sachen freier Liebe von den fortschrittlichen Theorien ihrer Eltern überzeugt war, rannte er mit dieser Einstellung offene Türen ein – nicht jedoch bei ihrem Vater. Als Percy seinem Mentor die Liebesbeziehung gestand und ihn um seinen Segen bat, war Godwin entsetzt: „Ich hätte nicht glauben können, dass Sie Ihren Charakter und Ihre Schaffenskraft, das Glück einer unschuldigen und verdienstvollen Ehefrau sowie den reinen und fleckenlosen Ruf meines minderjährigen Kindes einer plötzlichen zügellosen Leidenschaft opfern würden.“ Godwin wusste nur zu gut, was ein fleckenloser Ruf wert war und dass Theorie und Praxis im Hinblick auf die öffentliche Meinung zwei Paar Schuhe waren. Er appellierte an die Vernunft der Liebenden und vertraute darauf, dass sie die Beziehung beenden würden.

Doch anstatt zu seiner erneut schwangeren Frau Harriet zurückzukehren, beschloss Percy, mit Mary durchzubrennen. Nach einer durchwachten Nacht nahmen die beiden frühmorgens am 28. Juli 1814 eine Postkutsche nach Dover und setzten noch am selben Abend nach Calais über. Mit dabei war Claire Clairmont, die Abenteuer liebte. An Harriet schrieb er einen Brief, in dem er sie aufforderte nachzukommen: Man könne ja Freunde bleiben. Sie zog es vor, in England zu bleiben.

Die nächsten sechs Wochen durchquerten Mary, Percy und Claire zu Fuß, mit Packesel und Kutsche das von den Koalitionskriegen zerstörte Frankreich, bewunderten die Naturschönheiten der Schweiz und reisten schließlich per Schiff auf dem Rhein durch Deutschland und Holland zurück an die Küste.

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„Wir fühlten uns wie in einer gelebten Romanze, als handelten wir in einem Roman“, erinnerte Mary sich zwölf Jahre später. Doch die Realität holte sie schnell ein. Percy verstauchte sich den Fuß, was das Wandern unmöglich machte, und überhaupt war das Reisen nicht unbeschwert. Erst vor Kurzem war Napoleon nach Elba verbannt worden, und die Spuren der Verwüstung, die über zwölf Jahre lang die Kriege angerichtet hatten, waren nicht zu übersehen. „Das Leid der Einwohner, deren Häuser verbrannt, deren Vieh getötet und deren Besitz zerstört wurde, hat meiner Abscheu gegenüber dem Krieg eine Schärfe gegeben, die niemand fühlen kann, der nicht durch ein Land gereist ist, das von dieser Plage ausgeplündert und verwüstet wurde“ , schrieb Mary in das Tagebuch, das sie gemeinsam mit Percy in dieser Zeit führte und das drei Jahre später als Teil ihrer Reiseerzählung Geschichte einer sechswöchigen Tour veröffentlicht wurde.

Als den jungen Leuten das Geld auszugehen drohte, kehrten sie Mitte September 1814 wohl oder übel nach England zurück.

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Dort war ihre Situation alles andere als einfach. Mary und Percy waren unverheiratet und mittellos, und Godwin, von dem man in Londoner Gesellschaftskreisen munkelte, er habe seine Töchter an Shelley verkauft, weigerte sich, Mary auch nur zu treffen. Dennoch richtete er finanzielle Forderungen an Percy. Mary gab ihrer Stiefmutter die Schuld: „Ich verabscheue Mrs. Godwin; sie plagt meinen Vater ins Grab … Warum gibt Godwin nicht seinen offensichtlichen Gefühlen nach und versöhnt sich mit uns? Nein; seine Vorurteile, die Welt, und sie, all dieses verbietet es. Was soll ich tun?“

Zusammen mit Claire bezog das Paar eine kleine Wohnung in London und nahm das Leben in den literarischen Zirkeln wieder auf. Percy träumte von einer „Gemeinschaft philosophischer Menschen“, einer Art romantischer Kommune, vorzugsweise im abgelegen Westen Irlands. Immer wieder musste er sich in den nächsten anderthalb Jahren verstecken, um nicht in den Schuldturm geworfen zu werden. Die häufigen Trennungen machten Mary, die inzwischen ein Kind erwartete, schwer zu schaffen, zumal Percy regelmäßig mit Claire ausging, während sie sich unwohl fühlte. Zu alledem hatte auch noch ihre Freundin Isabel Baxter auf Druck der Familie mit Mary gebrochen – ein Vorgeschmack auf die soziale Ächtung, unter sie als Geliebte eines verheirateten Mannes ihr Leben lang leiden sollte. Ein wenig Trost fand sie in dieser Zeit bei Percys Schulfreund Thomas Hogg, der sich in sie verliebt hatte. Mary flirtete mit Hogg und schrieb ihm Liebesbriefe, in denen sie ihn hinhielt. Doch er erwies sich als treuer Freund und griff dem Paar auch finanziell unter die Arme.

Im Februar 1815 brachte Mary eine früh geborene Tochter zur Welt, die drei Wochen später starb. Der Verlust ihres ersten Kindes stürzte sie in tiefe Depressionen – immer wieder träumte sie, das Baby sei wieder lebendig. Einen Monat später war sie erneut schwanger. Ihr Sohn kam im Januar des folgenden Jahres zur Welt und wurde nach Marys Vater auf den Namen William getauft.

Glücklicherweise entspannte sich jetzt auch die finanzielle Lage des Paares. Percys Großvater war gestorben und hatte ihm genug Geld hinterlassen, um seine Schulden zu begleichen. Außerdem erhielt Percy nun eine angenehm hohe Leibrente von 1000 Pfund jährlich. Die Familie leistete sich einen Sommerurlaub in Torquay und mietete ein kleines Haus in der Nähe des weitläufigen Windsor-Parks, und zwar ohne Claire als Mitbewohnerin, die in London zurückblieb.

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Mary muss in dieser Zeit glücklich gewesen sein; jedenfalls idealisierte sie Windsor in ihrem Roman Der letzte Mensch sowie in ihrer Kurzgeschichte Die Trauernde als ursprüngliches Paradies fernab aller zivilisatorischer Wirren.

Dennoch blieb Mary als Geliebte Percy Shelleys vorerst eine sozial Ausgestoßene. Percy drängte sie immer wieder, sich ihrer Eltern würdig zu erweisen und sich „eine literarische Reputation“ zu verschaffen, doch die Alltagspflichten, die das Baby und das Haus mit sich brachten, ließen ihr zum Schreiben keine Zeit. Aber immerhin las sie nach wie vor regelmäßig und diskutierte oft stundenlang mit Percy und seinen Freunden.

Den Anlass für eine neue Reise und einen neuen entscheidenden Abschnitt in Marys Leben lieferte Claire. Die lebenslustige, ehrgeizige junge Frau hatte sich dem exzentrischen Dichter Lord Byron an den Hals geworfen, der für seine romantischen Gedichte ebenso berühmt war wie für seine rücksichtslosen Affären.

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Byrons Scheidungsprozess von seiner Frau war der Londoner Skandal im Winter 1815/16, zumal das Gerücht umging, er habe ein Verhältnis mit seiner Halbschwester Augusta Leigh. Der Lord entzog sich dem rufschädigenden Gerede, indem er England verließ – und damit, wie er dachte, auch die lästige Claire. In Begleitung seines Arztes und Chronisten John Polidori plante er, den Sommer am Genfer See zu verbringen. Doch Claire war inzwischen schwanger, obwohl Byron Kälberblasen als Kondome benutzt hatte. Wild entschlossen, den Lord zurückzuerobern oder ihm zumindest die Anerkennung der Vaterschaft abzuringen, schlug sie Mary und Percy vor, Byron zu besuchen. Percy war Feuer und Flamme, zumal ihm das nasskalte englische Klima nicht bekam, und so reisten die drei mit Kind und Kegel nach Genf, wo sie Mitte Mai 1816 eintrafen, drei Monate vor Marys 18. Geburtstag.

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So begann jener berühmte Sommer am Genfer See, in dessen Verlauf Mary Shelley ihren Roman Frankenstein beginnen sollte. Das Wetter war nasskalt und unfreundlich – der Ausbruch eines Vulkans in Indonesien im Vorjahr hatte Unwetter, Missernten und Hungersnöte über Europa gebracht – (man sieht, wie sich die Zeiten doch ändern: heutzutage gibt es in so einem Fall nur Flugverbote…).

Byron und Polidori lebten in der Villa Diodati, wo 150 Jahre zuvor auch der englische Dichter John Milton gewohnt hatte. Miltons Verlorenes Paradies, eine Lieblingslektüre von Mary und Percy, ist eines jener drei Bücher, welche die Kreatur im Roman Frankenstein zufällig findet. In diesem Epos liest das Monstrum von Luzifer und Adam und vergleicht sich mit ihnen: Weil sein Schöpfer und „Vater“ ihn verstößt, wird der „gefallene Engel … zum bösartigen Teufel“.

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Einen Vers aus dem Verlorenen Paradies wird Mary dem Roman Frankenstein voranstellen: „Hab ich’s von dir, mein Schöpfer, denn erbeten, dass du aus Lehm zum Menschen mich geformt? Dass du mich aus der Dunkelheit hervorzuziehen kamst, hab ich dich drum ersucht?“

Percy, Mary und Claire hatten ein Haus in der Nähe der Byronschen Villa gemietet und kamen oft zu Besuch. Die beiden Dichter hatten sich angefreundet, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie vom Temperament her völlig verschieden waren. Shelley war ein idealistischer Menschenfreund, Atheist und radikaler Demokrat, Byron dagegen ein zynischer Aristokrat, ein Dandy mit Hang zur Bisexualität, zum Katholizismus und zu Provokationen aller Art.

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Ein weiterer Sommergast von Byron war zu jener Zeit „Monk“ Lewis, der Autor des damals berühmten Schauerromans Der Mönch, der Passagen aus Goethes gerade erschienenem Drama Faust I übersetzte. Goethes von der Wissenschaft enttäuschter Protagonist, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um seinen Erkenntnisdurst zu befriedigen, ist das Urbild eines ehrgeizigen, menschliche Grenzen missachtenden Wissenschaftlers, wie er bald auch in Mary Shelleys Romandebüt auftauchen sollte.

Die Zeit vertrieb sich die Gesellschaft mit Ausflügen, Bootsfahrten und mit kleinen Intrigen – bevorzugtes Opfer war der humorlose John Polidori, auch „Pollydolly“ gerufen, der so eifersüchtig auf Shelley war, dass er ihn einmal zum Duell forderte. Abends unterhielt man sich am Kamin, wobei Mary „hingebungsvoll, aber beinahe völlig still“ zuhörte.

Ein Thema, das Shelley und Byron in dieser Zeit besonders bewegte, war der mythologische Prometheus.

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In der ursprünglichen Form des Mythos stiehlt der „Lichtbringer“ Prometheus das Feuer und bringt es den Menschen; dafür wird er von Zeus an einen Felsen gekettet, wo ihm ein Adler die Leber zerfleischt. In späteren Fassungen wandelte Prometheus sich zum Schöpfer des Lebens, der den Menschen aus Ton formt und ihm das „Feuer des Lebens“ einhaucht. Daher galt Prometheus zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch als Sinnbild für den kreativen Künstler. Im Roman Frankenstein wird er zu einem Wissenschaftler, der neues Leben erschafft – einem modernen PromethEUs also, wie es im Untertitel des Romans heißt.

Wenn der Regen die Gesellschaft ins Haus verbannte, lasen die jungen Leute sich gegenseitig die damals populäre Schauerliteratur vor: neben Gothic Novels auch deutsche Gespenstergeschichten, die 1813 als Tales of the Dead auf Englisch erschienen waren und Percy und Claire das Gruseln lehrten. Eines Tages schlug Lord Byron vor, jeder der Anwesenden solle eine eigene Gespenstergeschichte erfinden. Er selbst entwickelte ein Fragment zum Thema Vampire, das von Polidori aufgegriffen wurde. Dessen 1819 anonym erschienener Roman The Vampyre war ein Vorläufer von Bram Stokers Roman Dracula. Percy Shelley gab seine Versuche, ein Gruselgedicht zu schreiben, bald wieder auf und Claire fing gar nicht erst an. Mary Shelley jedoch brachte eine Novelle mit dem Titel Frankenstein zu Papier.

Jahre später erzählt sie im Vorwort zu einer überarbeiteten Fassung des Romans von ihren tagelangen Versuchen, sich „eine Geschichte auszudenken“ und schildert jenen berühmten Wachtraum, in dem sie ganz plötzlich „den bleichen Schüler unheiliger Künste neben dem Ding knien“ sah, „das er zusammengesetzt hatte. Ich sah das bösartige Phantom eines hingestreckten Mannes und dann, wie sich durch das Werk einer mächtigen Maschine Lebenszeichen zeigten … Entsetzlich musste es sein, denn die Auswirkungen jedes menschlichen Strebens, den gewaltigen Mechanismus des Weltenschöpfers zu verhöhnen sind zwangsläufig ungeheuer entsetzlich. Sein Erfolg sollte dem Künstler Angst einjagen; er würde voll Grauen vor dem abscheulichen Werk fliehen.“

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Diese damals ungeheuer wirkungsvolle und seither oft verfilmte Szene steht im fertigen Roman am Anfang des vierten Kapitels. Im Zeitalter von Horror-, Splatter- und Zombie-Streifen hat sie ihren Schrecken verloren, und der moderne Leser fragt sich, wieso der fanatische Arzt nach all der mitternächtlichen Leichenfledderei und den monatelangen, grausamen Experimenten ausgerechnet in dem Moment die Nerven verliert, als er sein Ziel erreicht hat und die Kreatur lebendig vor sich sieht. Hätte er die gruselige Wirkung nicht vorhersehen müssen? Vermutlich ist diese Schlüsselszene mittlerweile so sehr allgemeines Kulturgut geworden, dass man die damalige Wirkung dieses erstmals realistisch dargestellten frevelhaften Schöpfungsaktes auf Protagonisten und Leser nicht mehr nachvollziehen kann.

Ob sich die Tagtraum-Inspiration tatsächlich so unvermittelt eingestellt hat, wie Mary Shelley es im Nachhinein erzählt, ist indes zweifelhaft. Als Autorin hatte sie jedenfalls ein Interesse daran, die Umstände, die zur Erschaffung ihrer damals neu aufgelegten Geschichte führten, verkaufsfördernd zu dramatisieren. Die „spontane Eingebung“ ist zudem ein romantischer Gemeinplatz, den schon Coleridge für sein im Opiumrausch entstandenes Gedicht Kubla Khan verwendet hatte. Auch in Marys Fall ist der Einfluss von Opium nicht auszuschließen – wie Percy nahm sie mitunter das frei erhältliche opiathaltige Schlafmittel Laudanum ein. Auf dieser Opium-These beruht der fantastisch-dekadente Film Gothic von Ken Russell, der jenen Genfer Sommer opulent bebildert – eines von vielen Kunstwerken, die auf den Ereignissen jenes Sommers basieren.

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Aber ob Mary Shelley nun eine Vision im Opiumrausch hatte oder nicht, die Ursprünge ihres Romans sind vielfältiger. „Eine Erfindung … besteht nicht darin, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, sondern aus dem Chaos“, heißt es treffend im Vorwort zu Frankenstein. „Zuerst müssen die Materialien vorhanden sein: Sie kann den dunklen, formlosen Substanzen Form verleihen, aber nicht die Substanz selbst erzeugen. [Eine] Erfindung besteht in der Fähigkeit, die Potentiale eines Gegenstands zu erkennen, und in der Macht, entsprechende Ideen zu formen und zu gestalten.“

Diese Macht besaß Mary Shelley. Den fertigen Roman formte sie aus vielen verschiedenen „Ideen“ und „Materialien“. Neben dem Einfluss ihrer Eltern schöpfte sie Inspiration vor allem aus ihrer umfangreichen Lektüre. Goethes Werther, Miltons Epos Das verlorenes Paradies und Coleridges Ballade des alten Seemannes werden im Roman immer wieder zitiert, ebenso wie etliche andere Bücher.

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Die wissenschaftlichen und politischen Themen der Zeit beeinflussten sie ebenso wie eigene Reiseerlebnisse. Sowohl ihr Aufenthalt in Schottland als auch die sechswöchige Tour auf dem Kontinent finden sich in Frankenstein wieder. Wenn der Arzt Victor ruhelos durch Europa irrt, dann wandert er auf den Spuren Mary Shelleys; die Familie Frankenstein lebt am Genfer See, in der Nähe des Sommerhauses von Mary und Percy; die hoch dramatische Begegnung des Doktor Frankensteins mit seinem Geschöpf findet auf dem Gletscher des Mont Blanc statt, dem berühmten „Eismeer“, das die beiden in jenem Sommer 1816 bestaunten.

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Selbst der Titel des Romans könnte auf die heute noch zu besichtigende Burg Frankenstein am Rhein zurückzuführen sein, wo der Alchemist Johann Konrad Dippel der Sage nach einst Leichen sezierte und ein Monster schuf.

Auch „das Chaos“ in Marys Beziehung zu Percy lieferte Stoff für den Roman – ihr Durchbrennen, der Tod ihres ersten Kindes und die gesellschaftliche Ausgrenzung. Die Erfahrung, sozial geächtet zu sein, bestimmt nicht nur das Schicksal der Frankensteinschen Kreatur, die aufgrund ihres entsetzlichen Aussehens von allen Menschen verabscheut wird; die Angst davor prägt auch das Frauenbild im Roman. Deshalb sind die Protagonistinnen in der Frankenstein-Geschichte alles andere als radikal, selbstbestimmt oder unkonventionell. Die fälschlich des Mordes angeklagte Justine ergibt sich willig in ihr Schicksal, und von Victors Verlobter heißt es, „die heilige Seele Elisabeths schien wie die Lampe eines Gebetsschreins in unserem friedlichen Heim“. Doch dieses Mutterideal und die „heile“ Familie werden im Roman vom unheiligen männlichen Forscherdrang vernichtet. Alle Kinder der Familie Frankenstein erhalten eine Erziehung nach Godwins fortschrittlichen Prinzipien – doch je nach Geschlecht fällt das Ergebnis unterschiedlich aus: Für den Sohn wird die Welt „ein Rätsel, das [er] zu lösen hoffte“; für die Adoptivtochter Elisabeth „eine Leere, die sie mit ihrer eigenen Phantasie zu bevölkern suchte“ .

Das entspricht den Mentalitäten von Mary und Percy. Der Arzt „Victor“ Frankenstein ist nicht nur nach einem frühen Dichterpseudonym Percy Shelleys benannt, sondern teilt auch dessen Charaktereigenschaften: die grenzenlose Kreativität und die ruhelose Intensität ebenso wie die leidenschaftliche Liebe zur Natur und die problematische Neigung, seine familiären Beziehungen kompromisslos hinter seiner Arbeit zurückzustellen. Victor Frankenstein vergisst seine angebetete Elisabeth über der Erschaffung des Monstrums, Percy Shelley vernachlässigte die schwangere Mary. Er scheint kein sonderlich begeisterter Vater gewesen zu sein. „Ich glaube, deine Zuneigung wird zunehmen, wenn [William] ein Kinderzimmer für sich allein hat und nur zu dir kommt, wenn er gerade angezogen wurde und gute Laune hat“ , schrieb Mary ihm mit leichtem Sarkasmus.

Eine weitere Gemeinsamkeit von Victor und Percy ist ihr Hang zu alchemistischen Forschungen. In einem frühen Brief an Godwin berichtet Percy, dass er als Student „uralte Bücher von Chemie und Magie mit einem enthusiastischen Staunen durchgelesen habe, das fast an Glauben grenzte“ ; später verarbeitete er dieses Thema in einem Roman. Wie Percy kommt auch Marys Figur Victor Frankenstein über das Studium der Alchemie zum Schöpfungsakt, der allerdings in ihrem Roman nicht literarischer, sondern naturwissenschaftlicher Art ist. Mary spinnt die „dunkle, formlose Substanz“ der Alchemie weiter, die glaubte, aus verwesenden Stoffen Leben schaffen zu können, und lässt Frankenstein den alten alchemistischen Traum vom künstlichen Menschen mit modernen wissenschaftlichen Mitteln verwirklichen.

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Kaum war Mary im September 1816 nach England zurückgekehrt, begann sie umgehend, ihre kurze Gruselgeschichte auszuarbeiten. Der fertige Roman Frankenstein erschien am 1. Januar 1818, und zwar anonym, denn dass das Buch von einer Frau stammte, wäre damals wenig verkaufsfördernd gewesen. Es erhielt überwiegend ablehnende Kritiken, die sich zwar lobend über den Stil des unbekannten Autors ausließen, jedoch die ungewohnt schockierende Materie rügten. „The Quarterly Review“ bezeichnete das Werk im Januar 1818 als „Wirrwarr aus grauenvollen und abscheulichen Absurditäten“ und verwahrte sich gegen „diese Art von Literatur … je größer das Talent, mit dem sie geschrieben wird, desto schlimmer.“ Gemäßigter urteilte „The Belle Assemblée“ zwei Monate später: „Ein sehr gewagter Roman … jedoch … aufgrund seiner Originalität, seiner vorzüglichen Sprache und seines besonderen Reizes … empfehlenswert.“

Auch die Reaktion ihres Mannes, der zunächst für den Autor gehalten wurde, war positiv. In seiner Besprechung, die erst 1832 postum erschien, fasste Percy Shelley sehr treffend die Moral der Geschichte zusammen: „Behandle jemanden schlecht, und er wird böse werden. Vergelte Zuneigung mit Verachtung … trenne ein Lebewesen, ein soziales Wesen von der Gesellschaft, und man wird ihm unwiderstehliche Zwänge auferlegen – Bösartigkeit und Selbstsüchtigkeit.

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Wie der Frankenstein-Stoff zum modernen Mythos wurde …

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… und welch tragisches Ende die Liebesgeschichte zwischen Mary und Percy Shelley schließlich im italienischen Exil nahm – das können Sie, wenn Sie möchten, in unserem Buch nachlesen.

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„Alternative Facts“: Trump, The Matrix and Airplanes

I love it! I love it, I love it…! Conway’s Meet the Press-Expression „Alternative Facts“ so blatantly reveals the truth about the „post-factual“ age in general and Trumpism in particular that I laughed out loud the moment I heard it on the radio. The irony is sublime. Of course, perception and communication have always been conditioned and dissociated from „reality“, but never before has this fact been brought home in quite so striking a way to the world-wide-watch-ing audience. It’s living proof of the fact that „Reality isn’t what it used to be„.

This development has long since been a topic in popular culture. A couple of years ago I asked my audience during a talk on „Postmodern Heroes“ which of these two statements they thought were true: „We believe that which we see“, or: „We see that which we believe“. The audience was roughly divided in two halves, one of which, if we lived in the dark universe of „The Matrix“, would spend their lives wired up as unwitting fodder for the machine:

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Trump obviously belongs to the former category: He isn’t aware of the fact that all we usually see is that which we expect to see. He thinks he’s the hero, so naturally, all he’s able to see is the cheering multitude. Anyone telling him that he’s really the villain, and the multitudes are protesting, not cheering, must be telling lies and slander.

Where this kind of thinking can lead to is demonstrated by a famous experiment that explores the phenomenon of attention blindness or selective attention. A similar, less well-known experiment involves airline-pilots training in a flight simulator. During an especially tricky landing in bad conditions that demands all their attention, these pilots suddenly find themselves face to face with another aircraft parked sideways across their runway. The astonishing fact: 40 percent of pilots do not see this plane!

„And that’s, of course, how the brain is structured. You focus your attention by excluding anything that’s irrelevant. You don’t expect this huge commercial airliner to be on the runway, so you don’t plan for it, and you don’t even see it.“ (Cathy Davidson, Duke University professor, referring to this experiment).

Which leaves us with the simple insight that we’d better not park airplanes sideways on runways. Or anything irrelevant (protesting multitudes, women, China or global warming) in Trump’s way, if we don’t want him to crash into it.

Or… do we…?!!

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Trees of Life

Living your life is like climbing a tree.

There are many trees in the world, and some of them are easier to climb than others. In a forest of tall beeches you don’t stand a chance, but if you’re lucky, you find a solitary oak with spreading branches close to the ground. As a child you stand below it, looking up into the crown with an appraising eye. It’s alluring. The tree is huge, a universe in itself. All you want to do is climb and explore it.

So you grab the lowest branch and scramble up. Sometimes it’s easy and you move on effortlessly; those are the great climbing-trees. Sometimes you have to struggle to reach the next limb or get a good foothold. And then there are the trees without any branches in reach at all. If you are without a rope or ladder, it is hopeless – you will not get to the first crotch.

But if you do, then you really start climbing. You’re young and strong and single-minded. The trunk is solid and there are many limbs. Every move means a choice. You clamber higher, using the branches for secure footings. Perhaps you decide to explore one of the larger boughs, crawling precariously along its length as it thrusts outward into the sun and, getting thinner, challenges your equilibrium. At some point, although it’s not always easy, you may want to turn back and choose another route. Or you lie down and, grabbing a good hold of the branch, feel the bark rough against your skin and gaze down to the ground, surprised at how far it lies below.

Of course some branches break, and some climbers fall out of the tree. There are those who remain crippled and those that die. But if you’re not too high up, and do not get hurt badly, you can try again. Being a bit more careful, like most people, you’ll eventually reach the centre of the crown. Sitting safely somewhere in the middle of the tree, a profusion of twigs and rustling leaves all around you, you gaze at the wide earth spread out beneath your view. This is your realm. This is the fullness of life. Many choose to stay there.

Some, however, want to make it to the very top of the tree. It’s a difficult climb that leaves your hands scratched and your clothes torn. It is scary. You have to muster all your courage as the bole grows thinner and the supporting branches weaker. You’re lonely up there, but that’s all right. Clinging to your precarious perch, swaying in the wind, you are rewarded by a view that few ever see. You are close to the sun.

Naturally, having climbed your tree, sooner or later you have to get down again. It is always more difficult going down than up. It grows darker. Gravity is pulling at you. You have used all your strength climbing up, and now your hands are weak and slippery. Many lose their grip at this point. But you hang on as long as you can. You are relieved when you find the ground is close. At the same time you feel sadness because the excitement is over. You drop to the earth, wipe your hands and lean against the trunk. You’re proud of your achievement in climbing the tree.

But now you are tired. Gazing upward into the crown, you realize that you have grown old. There is no wish in you to climb the tree again – just the memory of the thrill of it, of having been up there among the whispering leaves, exposed to the winds of the world.

Finally you walk away knowing that the tree will remain. Life goes on.

For a while, until the tree itself is felled and transformed, as all life always is.

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John Ruskin: The Moral of Landscape

„No changing of place at a hundred miles an hour will make us one whit stronger, or happier, or wiser. There was always more in the world than we could see, walked we ever so slowly; we will see it no better for going fast. The really precious things are thought and sight, not pace. It does a bullet no good to go fast; and a person, if he or she be truly a man or woman, no harm to go slow; for our glory is not at all in going, but in being.“

John Ruskin: „The Moral of Landscape“, in: Modern Painters, Vol. III (1856), London: Smith, Elder & Co., 1872, S. 308

John Ruskin

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„Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ – Rezension

Ab und zu gehe ich ja zur Erinnerung an alte Tage noch mal in eine Pressevorführung und veröffentliche  dann eine Rezension bei zelluloid.de. Am Dienstag habe ich Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind gesehen – hier meine Kritik*

*ENGLISH VERSION:  You can find my two cents on Phantastic Beasts and Where to Find Them on Hogwartsprofessor.com!

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Es ist soweit – die Magie ist auf die große Leinwand zurückgekehrt. Nach einem Drehbuch von J.K. Rowling – ihrem ersten Filmdrehbuch, das auf der gleichnamigen Originalgeschichte „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ beruht – hat Regisseur David Yates das erste von fünf Abenteuern des Magizoologen Newt(on) Scamander (Eddie Redmayne) verfilmt. 70 Jahre, bevor Harry Potter dessen Standardwerk in Hogwarts liest, strandet Scamander nach einer Weltreise mit einem Koffer voll magischer Exoten im (phantastisch steampunkig designten) New York der 20er Jahre. Die dortige magische Gemeinde legt großen Wert auf Geheimhaltung und Trennung der Zauberer- und Muggle-, oder „NoMajs“-Welten – kein Wunder, denn hexenfeindliche Hetzer und bigotte Zeloten der Salem-Sekte sind auf dem Vormarsch. Zugleich wütet eine unheimliche, zerstörerische Macht in der Stadt, von der keiner weiß, wo genau sie herkommt. Als Scamander in bester Buster-Keaton-Manier seinen Koffer verliert, nimmt eine action- und phantasiereiche Achterbahnfahrt ihren Lauf…

Obwohl der Film ab 6 freigegeben ist und alle Ansprüche an ein amüsantes CGI-Hollywood-Familienabenteuer erfüllt, beschränkt Rowlings Skript sich beileibe nicht darauf, diese zu bedienen. Wie zu erwarten liefert sie vielmehr eine vielschichte Story ab, die sich auf diversen Ebenen lesen lässt. Da wären zum einen die erstaunlich politischen Untertöne, die – verkleidet in die scheinbar weit entfernten Kostüme der Prohibitionszeit – als schallende Ohrfeige für dasjenige Amerika daherkommen, das gerade Donald Trump gewählt hat: kaum verschleiert die Kritik an der Todesstrafe, an der unheiligen Allianz von fanatischer Bigotterie und fremdenfeindlicher Machtpolitik, oder an dem tiefen Riss, der durch die amerikanische Gesellschaft geht.

Der wunderbar altmodische Brite Scamander mit seinen magischen Kreaturen repräsentiert dagegen die postmoderne These der Wichtigkeit von Toleranz, Pluralismus und Respekt gegenüber dem Anderen, die schon in Harry Potter eine so große Rolle gespielt hat. Eddie Redmayne, der die essentielle Fähigkeit eines Stars besitzt, sich jede erdenkliche Rolle vom gelähmten Stephen Hawking bis zum Transsexuellen in „The Danish Girl“ überzeugend anzueignen und dabei trotzdem immer unverwechselbar er selbst zu sein, spielt ihn mit ungeheuer liebenswertem, leicht englisch vertrotteltem Charme.

Vielleicht am beeindruckendsten ist jedoch die ökokritische Dimension des Films – die kaum zu übersehende Botschaft, dass Toleranz und Respekt nicht nur gegenüber anderen Menschen, sondern gerade auch gegenüber unseren nichtmenschlichen Mitgeschöpfen notwendig sind, damit wir selbst überleben können. ACHTUNG, IM FOLGENDEN MINIMALE SPOILER: Nicht nur, dass der Held sich auf deren Seite schlägt; nicht nur, dass der Mensch einmal ganz nebenbei explizit als „das gefährlichste Lebewesen der Erde“ denunziert wird; nicht nur, dass die magischen Kreaturen dem Helden und seinen neuen Freunden mehr als einmal aus der Patsche helfen; am Ende spielt ein Tier mit einer magischen Verbindung zur Natur auch eine entscheidende Rolle bei der Wahrung des Friedens zwischen Zauberern und No-Majs.

Vielleicht macht es Sinn, einmal zwischen den Zeilen des Titels zu lesen – „… wo sie zu finden sind“. Wo genau sind (magische) Tierwesen in der Stadt New York zu finden? Nur im Central Park – oder in Scamanders magischem Koffer. Die Natur wird buchstäblich eingesperrt, sie existiert nur noch im Zoo oder in der Phantasie. Scamanders magischer Koffer wird so zum Symbol für eine verlorene Welt voller Magie und Natur, in die man hineinschlüpfen kann, um aus der „realen Welt“ zu entkommen. Darin gleicht der Koffer einem Buch – und auf ein Buch, nämlich den Reisebericht, den Scamander später schreiben wird bzw. das Buch, das Rowling bereits geschrieben hat, bezieht sich ja wiederum der Titel.

Das alles ist sicher kein Zufall. Rowling identifiziert sich mit ihrem neuen Helden Scamander, und so könnte man den Film jenseits aller zuckersüßen Special Effects und 20er-Jahre-Nostalgie auch als spitzbübische Allegorie der Harry-Potter-Rezeption und der puritanischen Kritik in den USA lesen, die seinerzeit mit Titeln wie „Harry Potter and the Bible – The Menace behind the Magick“ daherkam. Ungefähr so:

„Ein/e Engländer/in kommt mit einem Koffer/Buch voller phantastischer Magie nach Amerika, wo bigotte Fanatiker gegen Magie und Phantasie agitieren und sie zu unterdrücken suchen. Er /sie wird von sittenstrengen Amerikanern verfolgt, findet gute amerikanische Freunde, die um seinetwillen einige Probleme haben, und wird am Ende rehabiliert, wobei sich der fremdartige Koffer/das Buch als harmlos, ja nützlich erweisen.“ Wer den Film gesehen hat, wird noch weitere Parallelen entdecken, die hier aber nicht wiedergegeben werden können, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten.

Und so symbolisiert der kleine, braune Koffer, in dem sich ganz nebenbei die größte Überraschung des Films versteckt, sämtliche Gegensätze der Geschichte: Steampunkige Stadt vs. Magische Natur; Finstere Zerstörungs- vs. Bunte Schöpferkraft; Biotterie vs. Toleranz; Puritaner vs. J.K. Rowling; Machtpolitik vs. Phantasie. Das ist doch ganz nett.

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A Winter’s Morning

Aus  gegebenem Anlass (Schnee und Eis Anfang November…!), hier mal ein kleines, klassisches Sonett, das vor vielen, vielen Jahren in einem Shakespeare-Kurs der Binghampton High School in den USA entstanden ist und das ich kürzlich beim Aufräumen wieder entdeckt habe. Der Lehrer, Mr. Burns, war damals recht angetan und riet mir, Autorin zu werden… :

When all the fallen leaves are crisp with frost,
Soon covered by the first layers of snow,
And in the frozen dawn the light is lost
For snow-filled clouds are hanging grey and low;

The early morning air is cold and clear,
And every noise is gone, the silence deep –
Then I enjoy the quiet and warmth in here,
Curled in my bed with two more hours to sleep.

Outside the light is pale, in here it’s dark
Before I get up and turn on a light,
So warm and friendly, like a tiny spark,
a little bar against the winter’s night.

Why should we fear the winter and its storm,
Just close your doors and sit beneath the fire:
It is the cold that makes your home seem warm.

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Judentum, Christentum, Islam…

„Der Islam vertritt (…) die radikalste Form des Monotheismus. An dem ursprünglich politischen Impuls einer Widerstandsbewegung, nämlich: die Herrschaft Gottes gegen die Staaten dieser Welt auf Erden durchzusetzen, hat er am kompromisslosesten festgehalten – während das Judentum das Reich Gottes auf eine messianische Endzeit und das Christentum es ins Jenseits verschoben hat, als ein Reich, das nicht von dieser Welt ist.“

Der Ägyptologe Jan Assman in einem Interview zum Thema Monotheismus, Der Spiegel, 52/2006.

Ich liebe es, alte Zeitschriften zu lesen. Da sieht man doch, was die Zeit überdauert…

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